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Die Königin

Mittwoch, März 04th, 2009 | Author:

Dieses einige Jahre alte Schriftstück ist mir neulich nochmal zwischen die Finger gekommen…

Die Königin
Rohe Beine schlenkern taktisch über das Trottoir. Menschenbeine, maschinengesteuert. Als ich drei war, da hab ich mir gedacht, lieber Gott, wenn ich sechs bin, möchte ich zwölf sein. Ich sitze bei meiner Psychologin, die immer so tut als wüsste sie von nix, aber ihre Augen verraten sie. Betrachte das Bild mit den tausend Türen an ihrer. Chronischer Anhedonismus, sie sagt ich habe Anpassungsstörungen.  Aber sicher habe ich die, ich fühle mich nicht bereit dazu eure Schwimmbecken zu reinigen, euer Finanzsystem zu leiten…den rhythmischen Trommeln aus der Tiefe willenlos zu folgen.
Wie man das kann, all die Jahre?
( die russische Familie, die vor ihrem grauen Sozialwohnblock rote, schmunzelnde Gartenzwerge aufstellt, während Sohnemann die Waffen spazieren führt) wird man da nicht bekloppt? ( Ariane, die einen eigenen BMW Z3 und ein Laptop hat und auch über das ganze Elend und die sozialen Verhältnisse in der Welt Bescheid weiss (man ist ja gebildet), und die nur lächelt über was nicht Dolce und G. ist)
Wie kann man das? Wird man da nicht bekloppt?
Ein drängender, sich unaufhörlich steigernder Rhythmus, dem alle folgen. Nur dass keiner die Melodie hört. Sie ist in meinen eckigen Kopf mit dem Feuer, wo das Tier drin tobt, lockt es, reizt es. Manchmal kratzt es ein bisschen herum, weil die es ja immer wieder einsperren und es da drin ganz traurig wird, so allein. Tragisch, das. Darum jetzt psycho-soziale Integration, der Kinderfänger unserer verwahrlosten Zivilisation. Sie wollen dem Tier klarmachen, dass es doch eigentlich ganz nett da drin ist, und ob es nicht einfach dableiben will statt immer raus zu kommen und sich auszutoben. Dabei hat sich Stubenarrest doch längst als unpädagogisch erwiesen. Aber nein, sie versuchen das jetzt mal. Oder ob man es nicht ganz exemplarisch exhuminieren kann?  So ganz, damit sie vielleicht statt dessen ein kleines Männchen in meinen Kopf setzen können, das mir dann sagt, wie man Schwimmbäder reinigt, Akten sortiert und Finanzen verwaltet. Wer die Trommeln schlägt, die das Tier in meinem Kopf einsperren, es rasend machen?
Nachts krieche ich durch die Tunnel hier, die feuchten, nach Erde riechenden, um die Ameisenkönigin zu suchen.
Ich schiebe die ganzen Phrasen zur Seite, die leeren – als so Aktensortierer wisst ihr ja gar nicht, wie schwer die Dinger sind -kämpfe mich durch das Geflecht wuchernder Normen, die sind wie die Wurzeln eurer kränkelnden Wälder der Gesellschaft. Natürlich, es gibt schon längst keine ausreichenden Puffersysteme für die Säuren mehr, die ihr euch machtgeil ins Gesicht kippt. („Gehn wir einen trinken?“)
So ist es Nacht und ich krabble durch all die versunkenen Träume, auf der Suche nach der dunklen Ameisenkönigin.
Man kann sehen was sie macht, manchmal. Wenn man auf dem Bahnhof steht und all die Menschen sieht, die wie zuckende Insekten oder Maschinchen umeinander wuseln, mit ihren rohen Beinen. Wie kann das, dass sie sich nicht gegenseitig tot laufen? Wenn man da untergeht wird man doch zertrampelt! Mir läuft eine Gänsehaut unter dem Rücken entlang übers Mark. Kopulationsmaschinen, Marionetten im immer gleichen, todbringenden Takt. Manchmal fassen sie sich an den Kopf, als drehten sie an einem kleinen Sender, als säße da ein kleines Männchen in ihrem Kopf, das ihnen sagt, was sie tun sollen, wo sie lang laufen sollen, wen grüßen, wen nicht…Sie folgen unsichtbaren Fäden, die sich wie ein rotes Netz über dem gesamten Globus ausbreiten, ineinander verschlungen und verwoben. Wenn man seinem folgt, kommt man zum Tod, da kann man sich recht sicher sein, obwohl das in den heutigen Zeiten ja auch schon so eine Sache ist…
Aber wer hält die Fäden in der Hand? Wer schreibt, was wir hier kritzeln, wer ist der Regisseur? Wer lenkt, wer denkt das Netz das uns gefangen hält?
Irgendwo da draussen sitzt eine fette Ameisenkönigin in ihrem Erdloch, säurebildend, Träume spinnend.
Ich will sie finden, darum krieche ich durch die Erde, folge ich meinem Lebensfaden zurück, die Macht zu finden, die mich in der Hand hält. Auf dieser Suche muss man den Spiegel einschlagen, sich in das Land hinter den Scherben begeben. Unter die eigene Erde kriechen.
Und wenn ich sie finde, die Ameisenkönigin, dann werde ich das Tier auf sie loslassen.

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