Hangüber
Sonntag, August 24th, 2008 | Author: admin
Entschuldigt meine Unfähigkeit diesen Artikel angemessen auf 500 Wörter zusammenzufassen. Es handelt sich nämlich um literarische Bulimie, und wer beschäftigt sich schon gerne mit Dingen, die er ausgekotzt hat?
Es gibt Gründe, warum ich nicht oft bis spät in die Nacht auf Parties gehe. Einer davon ist, dass ich, selbst wenn ich um fünf Uhr schlafen gehe, um halb elf kerzengrade im Bett stehe. Deswegen schreibe ich auch gerade anstatt zu schlafen, wie es sich gehört wenn man eine wilde Nacht hinter sich hat. Entschuldigt daher, wenn ich mich heute stilmäßig ein bisschen an die Mythenmetzs’che Abschweifung anlehne. Wer nicht weiss was das ist: Geht in die Buchhandlung und kauft alle Buecher von Walter Moers. Banausen.
Nicole und ich wollten tanzen gehen. Ich hatte die ganze Woche ein bisschen knödelige Laune gehabt, zu Hause gesessen, Schokolade gegessen, keine Lust auf nichts, speziell nicht auf doofe Austauschstudentenunternehmungen, Muskelkater, meinen liebsten, besten Freund angeknödelt und so weiter. Ich wusste nicht genau, wie ich diesem Zustand abhelfen könnte. Moe und Helen, beide mit Philosophie, Geschichte und Klimapolitik vertraut, hatten grundsätzlich nichts gegen meinen melancholischen Zustand einzuwenden, merkten jedoch, dass ich selbst etwas dagegen einzuwenden hatte und fragten, was ich denn zu tun gedenke. Ich sagte dass ich wohl in mein Zimmer gehen müsste und ein wenig deutsche melancholische Musik hören. Hierbei handelt es sich um eine therapeutische Maßnahme, denn das Hören melancholische Musik schüttet Wohlfühlhormone aus, weswegen Wiegenlieder auch oft ein wenig traurig klingen.
Helen sagte: “My English-teacher, a funny lady by the way, told us that the Germans have a very long history of thinking very deeply about things and getting depressed.” Ich fand das ermutigend, insofern als dass ich mich nicht schämen müsste mich in die Tradition von Schopenhauer, Goethe und Nietzsche einzureihen (um nur die ersten Namen zu nennen die mir in den Sinn kommen), aber auch deswegen, weil es mich daran erinnerte, dass ich trotz aller Bewunderung eher nicht wie Nietzsche enden möchte.
Gestern also wollten Nicole und ich tanzen gehen, meine Beweggruende waren vornehmlich therapeutischer Natur: Kopfwegblasen. Boese Beats. Wir einigten uns auf alternativen Elektro und Breakbeats, doch der Eventkalender gab kaum etwas her. Dann sah ich folgende Bandnamen: Horrorwood Mannequins, Pink Industrial Whores, Killjack… Recherchen ergaben dass es sich um ziemlich schredderigen, boesen Industrial-Metal handelte. Mein Herz jubelte, auch wenn ich Nicole leider im Stich lassen musste. Vielleicht koennte ich endlich mal ein paar normale Leute treffen, mir schwarzem Humor, kreativer Kleidung und grenzwertigem Musikgeschmack! In jedem Falle aber koennte ich meine abgefuckte Laune mit noch abgefuckterer Musik bekämpfen, mich von extremen Klangwelten auf den Boden der Tatsachen zurückholen lassen um dann in innerem Frieden nach Hause zu gehen.
Es war in der Tat toll, selbst wenn die Leute ein wenig underdressed waren, was wohl dem freien Eintritt und der eher metalligen Natur des Konzerts zuzuschreiben war. Die erste Band war schon äusserst beeindruckend, was weniger an der Qualität der Musik lag als an der Tatsache, dass die Frontdame wie der bärwüchsige Frontmann einer skandinavischen Blackmetalband klang. Ich habe viele Metalkonzerte gesehen, aber das hier war mehr als abgefahren! Ich besitze Beweisvideos. Die Frontdame war sogar eher noch ein Frontmädchen und gerade eben der Pubertät entwachsen, mit langen blonden Haaren, ein bisschen Babyspeck und unglaublich nett als ich mich später mit ihr unterhielt.
Man bewunderte allseits mein gutes Englisch, mehrmals wurde vermutet ich käme aus dem UK, und man bombardierte mich mit deutschen Bruchsätzen. Deutschland ist hier ‘arty’, jeder kennt Berlin und die Kunstszene die es zu allen möglichen Zeiten hervorgebracht hat. Die Australier lernen oft Deutsch in der Schule, was ich bewundernswert finde. Warum sollte man eine Sprache von einem Land lernen, dessen Größe jeden Nationalpark unterbietet, das über sechszehntausend Kilometer entfernt ist, eine horrende Geschichte hat die unverhältnismäßig viele Australische Soldaten das Leben gekostet hat, eine depressiv-romantische Denkertradition verfolgt und die Hälfte des Jahres ungemuetlich und unattraktiv ist, ganz zu schweigen davon, dass zahllose andere Länder mit diesen und besseren Eigenschaften drumherum liegen? Das zeugt von Engagement, finde ich.
Zu späterer Stunde an besagtem Abend, gestern also, freundete ich mich mit einer der Bands an. Die Leute sahen aus, als wären sie äusserst cool, man bot mir an mit nach Potts Point (was eigentlich Kings Cross ist…wer den Blog gelesen hat weiss Bescheid) zur Aftershowparty zu kommen. Auf dem Weg fragte mich mein Begleiter ob ich irgendwelche Drogen tue. Ja, so sagt man das hier. Ich finde das klingt schmissig. Ich erklärte völlig übertriebenerweise (und aus strategischen Gruenden) dass ich mit sechzehn so einiges Zeug getan habe, und einige Leute daran habe kaputtgehen sehen, was nicht übertrieben ist. Er und die anderen könnten sich gerne derartig amüsieren, ich allerdings bliebe beim Bier. Meine natuerliche Arroganz und ausreichende theoretische Drogenkenntnisse um nicht enttarnt zu werden ermoeglichten mir, selbiges in solcher Art hervorzubringen, das sich mein Gegenüber sogar ein wenig schämen musste.
Eine halbe Stunde sah ich zu wie sich ein paar sowohl materiell als auch geistig arme Möchtegern-Rockstars mehrere Lines Speed reinzogen und eine Bong kreisen ließen, die so dreckig war, dass es jeden Kiffer mit einem Hauch von Ehrgefuehl in Bestuerzung getrieben hätte…obwohl ich mir vorstellen kann dass es sich hierbei um eine strategische Maßnahme handelte, die es den angehenden Weltstars ermöglichte, irgendwann noch den Schmand zu rauchen. Kurze Abschweifung: Liebe Ma, Schmand ist das, was sich in einer Wasserpfeife an den Wänden absetzt. Die Farbschattierungen rangieren von Popelgelb über Giftgruen bis hin zu tiefem Braunschwarz. Inhaltsstoffe unbestimmt.
Nachdem sich die anderen zwei Mädchen, die wohl dort wohnten, anfingen auszuziehen und den Fernseher (auf dem Friends lief, nur so nebenbei bemerkt) als Lustobjekt zu missbrauchen, musste ich einsehen dass ich hier weder Spaß haben noch meine unbeteiligte Beobachterposition lange würde unbehelligt halten können. Ich erhielt mir einen kleinen Anschein Coolness indem ich vorgab in zwei Stunden arbeiten gehen zu müssen und fuhr nach Hause in der guten Hoffnung irgendwann die etwas kulturorientiertere intellektuelle schwarze Szene zu finden.
Jetzt habe ich einen kleinen Hangüber. Das ist dieses Gefühl, wenn feststellt, dass sich der Zustand während des Abends und der am nächsten Morgen auf unbestimmte Weise disparat zueinander verhalten. Man spult den Abend zu zurück und kontrolliert ihn auf mögliche Lecks und dämliche Dinge die man gesagt haben könnte und die man morgens möglicherweise nicht sagen würde. Ich bin gutgelaunt, angesichts der Dämlichkeiten, derer ich Zeuge wurde, und die ich beim besten Willen nicht überbieten kann. Außerdem fuehle ich mich sehr geerdet und berechtigt, eine Menge dampfende Pasta zum Fruehstueck zu essen.
Category: Leben in Australien, kath goes australia! | 3 Comments


