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Von Sternen und Pixeln

Dienstag, November 04th, 2008 | Author:

Wenn man Ferien hat und nicht so richtig laufen kann und auch nicht so richtig viele Leute bis gar keine kennt, dann kann es einem mies gehen. Meiner Freundin Bleilaus ging es auch mies, aber die kann sich zum Trost mit belgischer Schokolade eindecken. Joghurt mit Banane tröstet nicht so wirklich, wohl aber viel Wodka Cranberry zu dem mich mein Mitbewohner Ross netterweise einlud. Das eingeladen werden indiziert schon das nächste Problem, nämlich einen substantiellen Geldmangel, welcher sich äussert in standhaften Weigerungen seitens des Geldautomaten irgendetwas ausser 20 $ auszuspucken. Ich besitze also 20 Dollar in bar, während Einkünfte erst am 15. zu erwarten sind.

Das ist ein guter Grund sich ins Bett zu legen und das ganze Wochenende zu verschlafen. Am Samstag morgen kam ein Anruf. Aus reinem Übermut hatte ich mich als qualifizierte Bildbearbeiterin in einem Fotostudio beworben, und wurde nun tatsächlich zu einem Gespräch am Dienstag eingeladen. Als ich meinen potentiellen Arbeitgeber recherchierte musste ich feststellen, dass es sich um eines der renommiertesten Fotostudios in ganz Sydney handelt, dessen Fotograf etliche Preise gewonnen hat und für fette Firmen arbeitet….Das ganze restliche Wochenende verbrachte ich damit irgendwelche Photoshoptutorials aus dem Internet durchzugehen und mir Fragen verschiedener Art zu stellen:

Wie kann ich verheimlichen dass ich nicht einmal weiss wozu Alphakanäle gut sind? Wieviel Ahnung muss man als Retuschiererin von Farbwerten, Rohformaten und Auflösungsverhältnissen haben und wieviel Ahnungslosigkeit kann man würdevoll verschleiern? Kann ich meinen Photoshop-Guru Andi anrufen und um Hilfe flehen? Kann ich es schaffen meine linke Hand am Keyboard zu halten und extensiven Gebrauch von tollen Shortcuts zu mimen?

Und noch viel interessanter: Wie kann ich verheimlichen dass das Fotostudio in dem ich damals mein Praktikum gemacht habe ein unorganisierter Haufen ist der von Improvisation lebt, und improfisieren (improvisieren um wie ein Profi zu erscheinen) wahrscheinlich das Substantiellste ist was ich dort gelernt habe? Wie kann ich glaubwürdig herüberkommen wenn ich tief in meinem Herzen die Sünde trage zu wissen dass ich in fünf Wochen eine Australienreise plane und den Job wieder hinschmeisse, und wieviel Geld kann ich eigentlich verlangen, falls ich nicht schon in der Tür ausgelacht werde? Zufällig fand ich mein Horoskop in der Sunday Life Magazine, welches besagte:

“Your week begins for real on Tuesday, as you break out of a sleepy start. As your ruler, the moon, moves on, your spirits lift and you find your emotional centre. Talking to people in power positions with professional secrets to share, you strike a quid pro quo. An attractive trade-off depends on appreciating your own talents and earning what you are worth. Trust your negotiation skills to hit the right pitch.”

Na dann nichts wie auf! Ich war natürlich viel zu früh und während ich in einem Cafe noch einen Tee trank prüfte ich zum x-ten Mal ob ich nicht zu ranzig aussah. An der Theke stand ein Typ, der aussah als hätte er sich bunte Designerklamotten gekauft und mit einer Schere zerfetzt. Ich befand dass ich nicht im mindesten ranzig aussah und machte mich wohlgemut eine halbe Stunde später auf zum Studio. Wer machte mir die Tür auf? Mr. Ranzi.

Machen wir es kurz, ich hab den Job. Mit leichtem Amüsemang musste ich feststellen dass überall nur mit Wasser gekocht wird, und wahrscheinlich alle kreativen Fotostudios dieser Welt die gleichen eingefahrenen Chefs mit Rechthaber- und Kontrollwahn inclusive Macinstoshparanoia haben, die gleichen Datenprobleme und die gleichen versackten Angestellten… Und von solcherlei Dingen habe ich verdammt viel Ahnung… :-)

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Category: Job, wies so geht

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2 Responses

  1. 1
    Schwester S. 

    Selbstbewußtes Auftreten bei professionellem Halbwissen – das ist es doch, was zählt. Egal ob es dabei um ein Referat geht, dessen Note ausschlaggebend für den Durchschnitt ist, ob es um Wettbewerbe geht, bei dem man als Semi-Laie zwischen Profis steht, oder um einen Job bei einem IN-Fotografen. Persönlichkeit, Anderssein, sich von der Masse abheben ist unsere Stärke, mein liebstes Kind, immer schon gewesen und wird immer sein. Was früher ein Fluch war, ist heute unser größtes Ass im Ärmel. Also: Mach den Job deines Lebens. Sie werden dich lieben, weil du du bist, so wie wir dich lieben. Und in diesem Sinne werde ich Samstag nach nach Wiesbaden fahren und anderthalb Tage Wein degustieren, schlau gucken und meine Ahnungslosigkeit über die wichtigsten Chateaus des Margeaux mit ihren speziellen Rebsorten und dem Speziellen der Bodenbeschaffenheiten und den Auswirkungen auf die komplexen sekundären und terziären Aromen gekonnt überspielen. So.

  2. 2
    Ma 

    Daumendrück in jede Richtung!!! ;-) )

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