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Troubardine

Mittwoch, Mai 26th, 2010 | Author:

Schon als Kind wurde mir ein herausragendes schauspielerisches und dramatisches Talent von meinen Eltern bescheinigt, nämlich immer dann, wenn sie mein derzeitiges Anliegen als nicht ganz so ernstzunehmend betrachteten. Sie meinten es sicherlich nur gut und wollten mich bestimmt früh fördern. Nach zwei Jahren Klavierunterricht kam ich in die Pubertät und die Klavierstunden wurden durch Mathenachhilfe ersetzt. Zwar schrieb ich schon erste Lieder, diese trug ich allerdings nur betrunken auf Partys vor. Ich weiss nicht ob es ein Kompliment war, wenn Leute sagten, dass das Stück im Original bestimmt sehr gut klänge. Man versuchte mir das Gitarrespielen beizubringen um meinen Gesang zu übertönen, doch ich scheiterte und man ging dazu über, mich an Bäume zu knebeln wenn ich etwas getrunken hatte. Im Abijahrbuch gewann ich dann neben dem Titel “Chaotischste/r” auch in der Kategorie “Beste/r Sänger/in”, wobei ich nicht weiss, ob ich dieses Ranking meiner Unbeliebtheit oder meinem unvergleichlichen Talent zu verdanken habe, ich befürchte fast Ersterem.

Vor zwei Jahren beschloss ich, nun doch Gitarre zu lernen und siehe da: Es klappte. Auf meine Vorträge reagierten die Leute jedoch sehr unterschiedlich: Engste Freunde glotzten mich irritiert an und wechselten schnell das Thema, während wildfremde Menschen mir um den Hals fielen und mich berühmt machen wollten. Meine Eltern sagten, dass das ja eine feine Sache sei, und verzichteten gänzlich auf einen musikalischen Vortrag. Ich machte trotzdem weiter.

Mein Chef, der ursprünglich aus der Musikindustrie kommt, meinte neulich zu einem Stück von mir: “Sehr experimentell. Aber witzig.” Meinte er damit, dass es leider experimentell, dafür aber witzig sei, oder dass es toll experimentell, jedoch leider witzig sei? Trotzdem sieht die Welt heute ganz anders aus als noch vor ein paar Monaten. Meine beste Freundin, die immer versuchte meinen Enthusiasmus vorsichtig zu bremsen, hörte nach langer Zeit noch einmal Lieder von mir und hatte die ganze Woche Ohrwürmer davon. Eine andere Freundin entschuldigte sich bereits vor dem Vortrag, dass sie nicht so der Typ sei, der begeistert auf solcherlei Dinge zu reagieren pflege, und ich dies nicht persönlich nehmen solle. Schon nach den ersten Tönen strahlte sie jedoch bis über beide Ohren und kündigte an, mich für diesen Herbst bei “Unser Star für Oslo” anzumelden. Auf den Hinweis, dass meine Stimmqualität doch noch nicht ganz hinreichend für eine solche Angelegenheit sei, entgegnete sie, dass ich ja nun Bescheid wisse und bis dahin Zeit zum üben hätte.

Selbst mein eigener und normalerweise hochkritischer Freund sagte vor kurzem, dass ich ja nun allmählich mal an die Öffentlichkeit müsste, und auf Partys beginnen Menschen mir Gitarren zu reichen und mich zu bitten etwas vorzuspielen. Es ist gar kein schlechtes Gefühl wenn man jahrelang der einzige Mensch gewesen ist der an einen glaubt (wie bei dem britischen Mobilfunkverkäufer Paul Pott, der plötzlich Opernstar wurde) und plötzlich tun es viele, sie fragen Aufnahmen für ihren Ipod und wollen schon Karten für mein erstes Konzert vorbestellen… Ich bin sehr glücklich darüber und möchte meiner Gitarre, die einmal fast gestorben wäre, aber dann doch von einer angehenden Geigenbauerin, die am selben Tag Geburtstag hat wie ich, gerettet werden konnte, demnächst einen Heiratsantrag machen. Am Ende muss man einfach nur üben und immer weiter machen, egal wie blöd man sich manchmal dabei vorkommen mag.

Category: Gekünsteltes, wies so geht | One Comment