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Existenzielle Erkenntnisse

Donnerstag, Juli 29th, 2010 | Author: admin

Manchmal kommt man ja unverhofft zu Geld. Zum Beispiel wenn man vergisst, dass man welches hatte, oder verliehenes zurückbekommt. Zugegebenermaßen ist das selten der Fall. Ich kam jedoch neulich in die glücklichen Umstände, und beschloss augenblicklich, mir ein neues Sofa zu kaufen. Das ist nicht ganz unsinnvoll, da das Alte demnächst auszieht, vor allem aber ist der Gedanke fein, ein selbstausgesuchtes Sofa zum Draufsitzen und Liegen und Essen und Rumgammeln zu haben. Vielleicht ist es ein bisschen spießig, viel Geld für ein Sofa auszugeben, ala “dann brauche ich die nächsten zehn Jahre kein neues mehr!” - eine Rechnung die eh nie aufgeht wenn man nicht wirklich viel viel Geld ausgibt, und das ist ja Quatsch.

So habe ich also in Gedanken ein Sofa gekauft und dazu gleich noch einen Tisch, von dem ich auch schon lange regelmäßig beim Essen schwedischer Köttbullar träume..

Dann hatte ich gestern eine Art musikalisch-identitätsmäßige Sinnkrise. Wer bin ich eigentlich und so weiter, warum habe ich keine MySpace-Seite und wieso habe ich es noch nicht geschafft ein Konzert zu geben? Die Antwort ist ganz simpel: weil das Equipment fehlt. Also beschloss ich Folgendes: Eines Tages, wenn ich mal zu Geld komme, werde ich mir eine ordentliche Gitarre mit Mikrofon, Verstärker und Gedöns kaufen, und bis es so weit ist tröste ich mich mit meinem schönen neuen Sofa.

Genau. Ich glaube irgendwas in meinem Kopf tickt nicht richtig, denn irgendwie dauerte es etwas länger bis die Erkenntnis über diesen himmelschreienden Unsinn all meine Hirnwindungen durchdrungen hatte. Wer zur Hölle braucht ein schickes Sofa??? Morgen packe ich mein ganzes Geld und gehe in den Musikladen.

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“Blödsinnige Idee”

Sonntag, Juli 25th, 2010 | Author: admin

Nach einer arbeitsintensiven Woche gibt es kaum etwas Besseres, als so richtig zu rocken. Musik, Menschen, deren erhitzte Körper sich berühren, Massenekstase. Der Gedanke daran lässt mir jetzt einen kalten Schauer den Rücken hinunterlaufen. Das Ruhrgebiet ist eine Brutstätte von Festivals und Kulturveranstaltungen, es ist warm und wir sind durstig nach Begeisterung, Bewegung, Berührung. Dann die Loveparade, nur wenige Kilometer, ein paar lächerliche Zugminuten entfernt und auf vertrautem Boden. Rob ruft an: “Wir sind in Duisburg, kommst du?” Aber D., mit dem ich verabredet bin, kann sich nicht für die Musik erwärmen. Ausserdem weiss er nicht, was er von dieser “blödsinnigen Idee” halten soll, in einer winzigen Stadt mit gerade mal 400.000 Einwohnern eine Million Menschen zusammenströmen zu lassen.

Ich war auf der Loveparade in Berlin, als ich fünfzehn war. Ab Bielefeld, so sagte man uns, müsst ihr durch die Zugfenster einsteigen. Und so ist es. Der Zug ist hoffnungslos überfüllt, alle wollen mit, der Bahnhof ist voll mit Menschen, aber wir werden durch die Fenster hineingezogen zu den anderen, die schon auf Gepäckablagen, auf Sitzlehnen und aufeinander hocken und feiern. Als wir nachts zurückwollen dauert es viele Stunden um überhaupt aus der Stadt herauszukommen… Nach so vielen Jahren Loveparade sollte man denken, dass die Veranstalter ein Gefühl für Massendynamik entwickelt hätten. Aber es ist eine unberechenbare, forcierte Wanderveranstaltung geworden, und Berlins breite Straßen und Parkanlagen sind nicht das Gleiche wie ein abgesperrter Güterbahnhof in einer kleinen Stadt, sagt auch Loveparade-Gründer Dr. Motte, der schon länger nichts mehr mit der Veranstaltung zu tun haben will…

Ich bin zu Hause, als die Sirenen einsetzen, und dutzende Polizei- und Krankenfahrzeugen durch meine Straße fahren. Warum, wohin kann ich nur ahnen. Im Gedränge ist Jona, der mir mal sieben Stunden am Stück auf seiner Wandergitarre vorgespielt hat. Es gibt nur einen Zugang durch eine Unterführung zum Festivalgelände, es drängen immer mehr Menschen nach, doch es ist schon zu voll. Die Polizei fängt an Leute zurückzudrängen, viele wollen auch gehen, doch im Tunnel ist es schon so voll dass man kaum noch durchkommt, erzählt Jona. Überall sind Absperrungen, Wände, Tunneldecken, Menschen. Die Leute werden ängstlich, wütend, hysterisch, fangen an übereinander zu steigen, es gibt kein vor und kein zurück, aber die Polizei versucht weiter die Absperrungen zu kontrollieren. Jona schafft es gerade noch so, herauszukommen bevor die Panik vollends losbricht. Nur fünf Minuten später sterben die ersten Menschen.

Rob und die anderen sind in einer Nebenstraße bei einer Pizza versackt. Jona sagt die Polizei hätte nicht so viel Druck und Kontrolle ausüben dürfen. Die Welt sagt die Polizei wollte von Anfang an mehr Zugänge, aber das war wohl zu teuer. Ich suche in den Bildern nach den Gesichtern von Freunden.

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So isset

Samstag, Juli 24th, 2010 | Author: admin

Viele werden jetzt fragen: Warum das denn? Und es hat doch alles so prima funktioniert? Und das stimmt auch. Aber im richtigen Leben ist das natürlich nicht so einfach, und manchmal, da muss man einfach mal was ändern, damit das Leben weiterfließt, auch wenn es vorher gut war. Und eine Trennung ist natürlich auch nicht so einfach, aber das ist ja jedermann selbst klar, deswegen hier die euphemistische Fassung:

Neulich habe ich gelesen, dass man sich öfter mal von Dingen freimachen sollte, einfach so. Das fand ich eine interessante Idee, also habe ich mich gleich mal von meinem Freund getrennt, mein Portemnaie in der nächsten Kneipe liegenlassen und meinen Schlüsselbund weggeworfen. Man mag jetzt behaupten, dass ich impulsiv sei und zu Extremen neige, aber die Wirkung ist geradezu fantastisch: Ich sehe mehr Freunde, weil mein eigener Kühlschrank leer ist, muss nicht mehr mit zugehaltenen Augen an Geschäften vorbeigehen um dem Kaufzwang zu entgehen, trage keine Verantwortung mehr für einen zwei Kilo schweren Schlüsselbund und auch nicht für einen Mann. Io ist auch froh, weil er nun ungescholten grünkarierte Hemden tragen darf und ein eigenes Zimmer hat, in dem ich keine Klamotten auf den Boden werfen darf.

So isset, sagt der Öcher, und wenn sich dat nich ändert, bleibt dat auch so.

Meine Wohnung wird daher jetzt eine WG und ich caste fleissig Mitbewohnerinnen. Eigentlich würde ich lieber mit einem Mann zusammenleben, weil die unkomplizierter sind, aber eben leider auch selten sozial bzw. wg-tauglich ausreichend zurechtgeschliffen… Also suche ich eine Frau die ein bisschen wie ein Mann ist. Was das wohl über mich aussagt…

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Romantik

Donnerstag, Juli 08th, 2010 | Author: admin

Der Chef heiratet. Nicht nur, dass er in drei Tagen für eine Ewigkeit in Flitterwochen fährt und ich mich einigermaßen verzweifelt frage wie ich es schaffen soll den Laden in der Zeit zu schmeissen… nein, es rufen auch ständig Leute während irgendwelcher Meetings an und wollen zum Beispiel wissen, ob es nun creme- oder champagnerfarbene Servietten sein sollten. Das ist gruselig.

Ansonsten herrscht pure Romantik. Märchenhafte Fußballspiele, traumhaftes Wetter… Vor meinem Bürofenster eine Landschaft aus Cafes, glücklichen Menschen die unter Sonnenschirmen Zeitung lesen, Milchschaumkaffees trinken und freie Tage genießen. Und über allem die ergreifenden, stimmungsvollen Melodien des Akkordeonspielers.

“Ich bring ihn um!” brüllt mein Chef, packt sich eine Vuvuzela und trötet lauthals aus dem Fenster. “Ich hasse Akkordeonspieler! Und dann spielt der auch noch immer das gleiche Lied!” Ich finde es wunderbar.

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Filosofisches zur Musik

Dienstag, Juni 22nd, 2010 | Author: admin

Musik zu machen ist vergleichbar damit, eine Beziehung zu einem anderen Menschen zu führen. Wie die Liebe zu einem Menschen kann auch die Liebe zur Musik nur eine bedingungslose Liebe sein. Man findet nur dann sein Glück in ihr, wenn man voller Ambition und frei von jeder Erwartung an sie herangeht. Viele Menschen machen Musik um berühmt zu werden, oder erhoffen sich von einer Beziehung, durch den anderen erhöht zu werden. Sie sind enttäuscht wenn es nicht klappt, während wieder andere ganz ohne Ambition sind, sie stecken nicht genug Seele und Kraft in diese Beziehung und beginnen irgendwann sich zu langweilen.

Man braucht Leidenschaft und gleichzeitig viel Geduld. Es braucht ungestüme, gewaltige Emotionen um der Liebe die Töne zu entlocken, die sie lebendig machen und sie zum sprechen bringen. Doch nicht immer bekommt man das, was man fordert, der Ton ist zum xten mal daneben gegangen und was man hört entspricht nicht den eigenen Erwartungen. Ohne Geduld endet man damit den Geliebten/die Geliebte zu verfluchen und zumindest wenn es sich um ein Instrument handelt selbiges gegen die nächste Wand zu werfen und zu zertrümmern.

Man muss lieben mit Willensstärke und Disziplin, und doch muss man sich leiten lassen von seinen Gefühlen. Mit Willensstärke ist gemeint, dass es manchmal notwendig ist, dem Instrument seinen Willen aufzuzwingen, nicht nachzugeben und um die Liebe zu kämpfen. Gleichzeitig muss man aber auch in der Lage sein, dem anderen zu vertrauen und sich leiten zu lassen. Man muss mit Disziplin tausendmal die gleichen Töne spielen, den Abfall raustragen, unbeirrbar weiter gehen und überhaupt willens sein auch dann zu lieben wenn es gerade schwierig ist, die Lust eine Weile nachlässt oder andere Dinge wichtiger erscheinen. Dies darf aber nicht dazu führen, dass man in der Routine untergeht und mechanisch Tonleitern und Liebesschwüre herunterbetet. Nein, man muss seinen Gefühlen nachspüren und auch in die kleinen Dinge Liebe hineinlegen.

Doch die Liebe braucht noch mehr. Man braucht das Selbstbewusstsein um Grenzen zu überschreiten, Dinge zu fordern und man muss zugleich in der Lage sein die eigenen Fehler einzugestehen und an sich zu arbeiten. Wenn man vor einem Instrument sitzt und sich sagt: “Das kann ich nicht, ich bin schlecht und habe es ja auch gar nicht verdient dieses tolle Instrument zu spielen…” ja, da würde sich wohl jede Gitarre mitleidig abwenden und nach einem Musiker suchen, der bereit ist es mit ihr aufzunehmen. Auch reicht es nicht, zufrieden mit dem zu sein, was man bekommt, sonst bleibt der Klang der Liebe wie der klägliche Vortrag eines Blockflötenaspiranten, und die Gewalt der Oper bleibt denen vorbehalten, die sich wagen danach zu streben. Doch Symphonien können auch nur entstehen wenn man an sich arbeitet und wenn man seine Fehler anschauen kann ohne dabei den Glauben an sich selbst aufzugeben.

Ich werde jetzt Lasagne essen und danach meiner Gitarre ein paar zärtliche Töne entlocken…

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Fußball-Emos

Freitag, Juni 18th, 2010 | Author: admin

Im Büro geht nichts mehr. Meine männlichen Kollegen sind in schlechter Verfassung, besser keine falschen Bewegungen oder Sprüche in dieser Situation. Vor dem Fenster brüllende Massen: “Scheiss auf Serbien! Scheiss auf Serbien!” Peinlich. Es sind Kinder, die einen zu viel gehoben haben und nun ihrer Enttäuschung Luft machen wollen. Die Polizei steht am Rand des Platzes und hält Wache.

Fußball ist eine sehr emotionale Sache. Letzten Freitag war im Büro die Hölle los, tausende von dringenden Anrufen, Terminen, organisatorischen Sachen die geklärt werden mussten. Ich fahre mit dem Chef bei einem unserer Kunden etwas abholen, wir haben es sehr eilig. Mario, der Verkaufsleiter: “Ich muss gerade noch meine Tipps beim Firmentippspiel abgeben.” Chef:”Ihr macht ein Tippspiel?” Mario:”Ja, willste auch? Ein Zwanni für jeden.” “Auf jeden Fall!” “Ok. Südafrika gegen Mexiko?” “Oh. Hm…Also die Südafrikaner sind ja schon fit…” so geht es die nächste halbe Stunde.

Mein weibliche Intuition sagte mir, dass es ein 2:1 oder 1:0 für Serbien gibt. Als ich dies im Büro verkündete, sagten mir alle, dass dies Quatsch und meine Meinung als Laie und Frau hier nicht gefragt sei. Jetzt starren mich alle böse an, als sei es meine Schuld dass ich Recht hatte…

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Beobachtungen

Donnerstag, Juni 17th, 2010 | Author: admin

Was man im Ruhrpott gerne sagt:

“Billich wird dat nich.”

“Hau mich ab.”

“Wat Schönnes.”

“Hassu ‘n Problem oda watt?”

“Wer hat sich denn die Scheisse wieda übalecht?”

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Jestresst

Samstag, Juni 12th, 2010 | Author: admin

Stress ist ein seltsames Phänomen. Eigentlich ist es eine Krankheit. Es ist ansteckend, und besonders hoch ist die Infektionsrate im Arbeitsumfeld, wenn man Kinder hat und in öffentlichen Gebäude - zum Beispiel deutschen Ämtern. Deswegen haben glaube ich auch Arbeitslose Stress. Man sollte das nicht abwerten, man kann nicht einfach mal so Geld vom Staat bekommen. Entweder man lässt es ganz bleiben oder man macht es professionell. Nur als professioneller Arbeitsloser hat man eine Chance immun gegen den Ämterstress zu werden.

Grund für Stress gibt es genug. Der Kontostand, die ganze Arbeit, der Chef /oder wahlweise die Angestellten, Zahnarzttermine (”Mei, Frau Schroeder, Sie haben aber schöne Zähne. So gepflegt! Nur da hinten, da ist ein klitzekleines Löchlein, da müssten wir mal bohren. Schön Ah machen!”), der Geburtstag, der Todestag von Tante Hilde und Weihnachten steht auch bald wieder vor der Tür…

Ich merke dass ich Stress habe, wenn ich irgendwo lang gehe und in der Spiegelung der Fenster sehe, dass meine Stirn in Falten liegt. Oft denke ich mir, dass mich all das Zeug gar nicht so belasten sollte, und es mit mir selbst und meinem Sein doch eigentlich nichts zu tun hat. Aber Stress ist wie eine Scheisshausfliege, die sich immer wieder auf einen draufsetzt, egal wie oft man sie wegwedelt…Da fühlt man sich schnell wie ein Scheisshaus, auch wenn man eigentlich weiss das man keins ist.

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Troubardine

Mittwoch, Mai 26th, 2010 | Author: admin

Schon als Kind wurde mir ein herausragendes schauspielerisches und dramatisches Talent von meinen Eltern bescheinigt, nämlich immer dann, wenn sie mein derzeitiges Anliegen als nicht ganz so ernstzunehmend betrachteten. Sie meinten es sicherlich nur gut und wollten mich bestimmt früh fördern. Nach zwei Jahren Klavierunterricht kam ich in die Pubertät und die Klavierstunden wurden durch Mathenachhilfe ersetzt. Zwar schrieb ich schon erste Lieder, diese trug ich allerdings nur betrunken auf Partys vor. Ich weiss nicht ob es ein Kompliment war, wenn Leute sagten, dass das Stück im Original bestimmt sehr gut klänge. Man versuchte mir das Gitarrespielen beizubringen um meinen Gesang zu übertönen, doch ich scheiterte und man ging dazu über, mich an Bäume zu knebeln wenn ich etwas getrunken hatte. Im Abijahrbuch gewann ich dann neben dem Titel “Chaotischste/r” auch in der Kategorie “Beste/r Sänger/in”, wobei ich nicht weiss, ob ich dieses Ranking meiner Unbeliebtheit oder meinem unvergleichlichen Talent zu verdanken habe, ich befürchte fast Ersterem.

Vor zwei Jahren beschloss ich, nun doch Gitarre zu lernen und siehe da: Es klappte. Auf meine Vorträge reagierten die Leute jedoch sehr unterschiedlich: Engste Freunde glotzten mich irritiert an und wechselten schnell das Thema, während wildfremde Menschen mir um den Hals fielen und mich berühmt machen wollten. Meine Eltern sagten, dass das ja eine feine Sache sei, und verzichteten gänzlich auf einen musikalischen Vortrag. Ich machte trotzdem weiter.

Mein Chef, der ursprünglich aus der Musikindustrie kommt, meinte neulich zu einem Stück von mir: “Sehr experimentell. Aber witzig.” Meinte er damit, dass es leider experimentell, dafür aber witzig sei, oder dass es toll experimentell, jedoch leider witzig sei? Trotzdem sieht die Welt heute ganz anders aus als noch vor ein paar Monaten. Meine beste Freundin, die immer versuchte meinen Enthusiasmus vorsichtig zu bremsen, hörte nach langer Zeit noch einmal Lieder von mir und hatte die ganze Woche Ohrwürmer davon. Eine andere Freundin entschuldigte sich bereits vor dem Vortrag, dass sie nicht so der Typ sei, der begeistert auf solcherlei Dinge zu reagieren pflege, und ich dies nicht persönlich nehmen solle. Schon nach den ersten Tönen strahlte sie jedoch bis über beide Ohren und kündigte an, mich für diesen Herbst bei “Unser Star für Oslo” anzumelden. Auf den Hinweis, dass meine Stimmqualität doch noch nicht ganz hinreichend für eine solche Angelegenheit sei, entgegnete sie, dass ich ja nun Bescheid wisse und bis dahin Zeit zum üben hätte.

Selbst mein eigener und normalerweise hochkritischer Freund sagte vor kurzem, dass ich ja nun allmählich mal an die Öffentlichkeit müsste, und auf Partys beginnen Menschen mir Gitarren zu reichen und mich zu bitten etwas vorzuspielen. Es ist gar kein schlechtes Gefühl wenn man jahrelang der einzige Mensch gewesen ist der an einen glaubt (wie bei dem britischen Mobilfunkverkäufer Paul Pott, der plötzlich Opernstar wurde) und plötzlich tun es viele, sie fragen Aufnahmen für ihren Ipod und wollen schon Karten für mein erstes Konzert vorbestellen… Ich bin sehr glücklich darüber und möchte meiner Gitarre, die einmal fast gestorben wäre, aber dann doch von einer angehenden Geigenbauerin, die am selben Tag Geburtstag hat wie ich, gerettet werden konnte, demnächst einen Heiratsantrag machen. Am Ende muss man einfach nur üben und immer weiter machen, egal wie blöd man sich manchmal dabei vorkommen mag.

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Intime Züge

Donnerstag, Mai 20th, 2010 | Author: admin

Seit neuestem fahre ich ja immer mit dem Zug zur Arbeit. Das ist sehr schön, weil die Fahrt nur zehn Minuten dauert und man so ein paar Minuten hat um morgens hoch und abends wieder runter zu kommen.

Dabei hört man so allerlei Sachen. Aus irgendeinem Grunde vertreiben sich viele Leute die Zeit im Zug mit telefonieren, vielleicht weil sie sich sonst einsam fühlen oder weil die Zeit ja auch immer so drängt und man immer alles direkt kommunizieren muss. Ich glaube, ja ich bin sogar fest davon überzeugt, dass einige Menschen depressiv oder gar wahnsinnig würden wenn es plötzlich kein Internet und keine Mobiltelefonie mehr gäbe. So reden also die Leute am Telefon über allerlei Zeugs, das jedem Hobbysoziologen und Betriebsspion Freudentränen in die Augen treiben würde. Man erfährt nicht nur viel über das Leben der Leute, sondern auch über ihre Beziehungen.

Gestern saß eine junge Frau genau neben mir und führte eine extensive Beziehungsbeendungsdiskussion mit ihrem (Ex)-Freund, der offensichtlich Probleme gehabt hatte sich eindeutig für sie zu entscheiden, dies aber nun bereute, sich aber immer noch nicht ganz sicher war und nun eruieren wollte ob es nicht doch klappen könnte, während sie nicht gewillt war mit mangelhaftem Engagement seinerseits zu leben, die Freundschaft -die er ja ursprünglich statt der Beziehung gewollt hatte- aber erhalten werden könnte, in welchem Falle er jedoch auch davon abzusehen hätte gewisse Sms mit Fragen über ihr derzeitiges Sexualleben, Träume oder Essverhalten zu schreiben, da ihn das ja nun nichts mehr anginge, er müsse sich also jetzt entscheiden was er wolle.

Wie er darauf reagierte wissen weder ich noch die Frau, weil die Verbindung abbrach. Dann stieg ich aus, weil man muss aufhören wenn es am Spannendsten ist.

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